R wie Rassismustheorie – Teil 2

veröffentlicht im CEEIEH#169(Oktober 2009)

In der vorherigen Ausgabe (#168) wurden aus der Mannigfaltigkeit existierender Erklärungsansätze bezüglich des Phänomens Rassismus drei markante Theorieschulen extrahiert und näher betrachtet. Die Erläuterungen zum differentialistischen Rassismus, von uns repräsentiert durch Balibar und Taguieff, sowie die Herleitung des Rassismus aus ökonomischen und politischen Strukturen in ihrer Historizität (Miles) liefern entscheidende Anknüpfungspunkte für große Teile der antirassistisch motivierten Literatur. Die von uns in diesem Zusammenhang bereits geleistete Kritik der Anthropologisierung des Subjekts in einer Rassismustheorie, die ohne eine Einbettung in die kapitalistischen Verhältnisse auskommt, sowie die Kritik einer Rationalisierung rassistischer Ideologie in Anbetracht der herrschenden Produktionsverhältnisse, möchten wir auch im vorliegenden Teil noch einmal aufgreifen. Sie führte uns im ersten Teil auf die Fährte der kritischen Theorie sowie der Fetischkritik, wobei psychosoziale und ökonomische Faktoren in der Erklärung fusionieren und vom Standpunkt einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik betrachtet werden. Die Kritik am Phänomen Rassismus gestaltete sich demnach notwendig als Teil einer Kapitalismuskritik. Im Folgenden soll dies anhand einer historisch übergreifenden Darstellung der Entwicklung und Weiterentwicklung rassistischer Denkmuster vom Nationalsozialismus zum Rassismus der Gegenwart noch einmal unterstrichen werden, bevor ein kritisches Fazit aus den vorgestellten Ansätzen gezogen wird.

Rassismus der Rassen – Die Genese des nationalsozialistischen Rassismus

In Nazideutschland wurde die Massentauglichkeit und Brutalität einer rassistischen und antisemitischen Gedankenwelt erschreckend deutlich. Der Rassismus ist zwar keine deutsche Erfindung, jedoch beschränkte sich die Verwendung des Wortes Rassismus lange Zeit auf den nationalsozialistischen Kontext.1 Bis heute ist die Vorstellung von dem, was Rassismus sei, unmittelbar an die nationalsozialistische Praxis der Verfolgung und Massenvernichtung gebunden. Eine Einbindung in das Thema Rassismustheorie ist deshalb ratsam. Die antirassistische Literatur bietet hierzu einerseits rein rationale Erklärungsmuster für die Genese und Auswirkung eines spezifisch deutschen Rassismus. So werden etwa Techniken der nationalsozialistischen Ideenwelt in Verbindung mit den macht- und bevölkerungspolitischen Konstellationen des 19.Jahrhunderts analysiert. Spiegelbildlich dazu existiert die Tendenz zur völligen Irrationalisierung und Mystifizierung des Bösen. Wird das Unglaubliche jedoch in der Ecke des Unerklärbaren abgestellt, so ist es auch um die Aufarbeitung der Vergangenheit geschehen. Um den analytischen Blick nicht einzugrenzen, sollte man sich weder auf die eine noch die andere Argumentationslinie versteifen.

Auch in dem vorliegenden Versuch, die spezifische Form des nationalsozialistischen Rassismus in die Genese des Rassismus (und ferner der Rassismustheorien) einzubinden, soll dies berücksichtigt werden. Um hierbei auch die gemeinsamen Ursprünge von Rassismus und Antisemitismus sichtbar zu machen und gleichzeitig an einer Trennung festzuhalten, sollen im Folgenden beide Ideologien aufgegriffen werden. Für die Ergründung des Phänomens Rassismus gilt, was auch für den Antisemitismus gelten muss: „Die bündig rationalen, ökonomischen und politischen Erklärungen und Gegenargumente – so Richtiges sie immer bezeichnen – vermögen es [die Erkenntnis; LExil] nicht, denn die mit Herrschaft verknüpfte Rationalität liegt selbst auf dem Grunde des Leidens.“2 Eine zusätzliche Wendung aufs Subjekt, ist ergo angebracht, wenn eine brauchbare Kritik am Rassismus geleistet werden soll. In der folgenden Darstellung des nationalsozialistischen Rassismus sollen deshalb historische Prozesse mit Ansätzen der Freudschen Entwicklungstheorie sowie wertkritischen Elementen der kritischen Theorie in Verbindung gebracht werden.

Rassismus als Alltagsreligion

Die Lehre der Rasseideologie des 19.Jahrhunderts fand Zuspruch durch den Wissenschaftsglauben einer sich modernisierenden und technologisierenden Gesellschaft, in der Fortschritt überwiegend aus neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen generiert wurde. An dieses Grundvertrauen knüpfte die pseudowissenschaftliche Scharlatanerie in Form der Rassenbiologie und Eugenik an. Der Glaube, die Welt sei eine in Rassen einzuteilende, gipfelte schließlich in dem Versuch der Umsetzung einer nationalsozialistischen Utopie der „rassischen Homogenität“. Es war im Sinne der NationalsozialistInnen, die Fusion der Populärwissenschaften mit den alltäglichen Vorurteilsstrukturen der Gesellschaft voranzubringen, denn „rassische Homogenität“ war nur mittels einer gesamtgesellschaftlich verwertbaren Praxis der „Rassenhygiene“ zu erreichen. Um nun aus den unscharfen Vorstellungen bestimmter Unterschiede einen absoluten Unterschied auszuformen und die „Rassenreinheit“ methodisch zu pflegen, bediente sich die nationalsozialistische Ideologie der Technik des gewollten Verwischens gesellschaftlicher Rassismen. Detlev Claussen verwendet in Bezug auf den Rassismus deshalb den Begriff des „Synkretismus“, welcher ursprünglich eine Verschmelzung von Ideen oder Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild beschreibt. Er konstatiert schließlich: „Alle Rassismen sind Synkretismen: Sie wollen die differentia specifica, den bestimmten Unterschied, durch den etwas erklärt und begriffen werden kann, gar nicht wissen.“3 So hieß es in einem Beiblatt des Völkischen Beobachters vom 1.Mai 1930: „Die Rassenbiologie und Rassenhygiene ist keine Wissenschaft nur für Gelehrte, sondern muß Gemeingut des Volkes werden, wenn es mit Deutschland wieder aufwärts gehen soll. In einem nationalsozialistischen Staate wird nur derjenige ein Recht auf Nachkommenschaft haben, der körperlich und geistig vollständig gesund ist.“4

Rassetheoretiker wie Arthur de Gobineau boten der ausgefeilten Lehre biologistisch katalogisierter Rassen sowie dem eifrigen Aufnahmevermögen der Masse die geisteswissenschaftlich konzipierte Basis des Mythos von in sich homogenen Rassen. Sprachlichen Verwandtschaftslinien germanischer, keltischer, romanischer, indischer sowie indo-europäischer Sprachen wurden vermeintlich biologische Verwandtschaftsmerkmale hinzu halluziniert, woraus die Idee der einheitlichen Vorfahren entsprang. Ferner wurden charakterliche Eigenschaften abgeleitet, wobei der Rassismus hierbei zur Abwertung der Rassifizierten tendierte und der Antisemitismus von einer Übermacht der Juden ausging.5

Die „Qualität“ des pseudowissenschaftlichen Rassismus, der sich gerade in Nazideutschland so rigoros etablieren konnte, lag also in seiner Offenheit und Konformität mit dem Weltbild und Wissenschaftsglauben des 19. Jahrhunderts. Die neue, sinngebende Vereinheitlichung des rassistisch geprägten Bewusstseins formte sich schließlich zu einer Art Religionsersatz aus. Claussen spricht hierbei von der „Alltagsreligion“ des Rassismus.6 Es ging der Alltagsreligion zunächst eben nicht ausschließlich um eine Abwertung, sondern vorerst um die vollständige Biologisierung des Sozialen. Auf Stichhaltigkeit verzichtend und flexibel fortwuchernd, verbreitete sich die Wahrnehmung der Welt als eine in Rassen und Kulturkreisen einzuteilende. Dieser neue Glaube diente als universelles Werkzeug zum scheinbaren Verstehen und Handhaben der sich mannigfaltig gestaltenden Verhältnisse. In der totalitären Ideologie des Nationalsozialismus hielt die Ersatzreligion gar als Legitimation für den programmatischen Massenmord her.

Bedürfnis zur homogenen Masse

Was aber prägt das primäre Bedürfnis der Aufnahme rassistischer Denkmuster durch die Subjekte? Entgegen der primitiven Behauptung, die deutsche Bevölkerung sei den Versuchungen einer nationalsozialistischen Elite auf den Leim gegangen und hätte dafür bitter zahlen müssen7, gilt es, Erklärungsansätze für die Bereitschaft zur rassistischen Weltanschauung abzuleiten. Anstelle des relativistischen Bildes einer instrumentell-diktatorischen Herrschaft soll möglichst eine umfassende Genese der totalitären Ideologie erklärbar werden. Freuds psychoanalytische Entwicklungstheorie liefert wichtige Anhaltspunkte zur Ontogenese des ideologischen Subjekts, aus der sich Quellen des Wunsches nach einer Einheit in der „Rasse“ ableiten lassen. Es soll ein kurzer (und sehr vereinfachter) Einblick gewährt werden:
Mit der frühkindlichen Phase des Erkennens der eigenen Geschlechtlichkeit geht eine abschließende (psychische) Trennung vom Liebesobjekt Mutter einher. Das Wesen ist nun ein auf sich allein gestelltes, wobei die Sehnsucht nach jener früheren Phase der gefühlten Einheit und Ganzheit bestehen bleibt. Der Wunsch nach der Einheit mit der Mutter weicht der gesellschaftlich definierten Form von Sexualität. Im realen Leben (der kapitalistisch patriarchalen Arbeitsgesellschaft) gilt es jedoch, auf seinen Trieb zu verzichten.8 Das gezügelte Subjekt wird gesellschaftsfähig, bewahrt jedoch zeit seines Lebens das Gefühl der Sehnsucht.9 In der versuchten Kompensation dieses Gefühls liegt eine potentielle Quelle der psychodynamischen Herausbildung rassistischer Denkweisen: „Der einstmals gefühlte Zustand soll im realen Leben durch die Bindung an rigide Gemeinschaften und Denkweisen realisiert werden. … Daher der Wunsch der Rassisten nach Verschmelzung mit der eigenen ‚Rasse‘, dem eigenen ‚Volk‘, daher die zentrale Bedeutung von ‚Blut‘, ‚Volk‘ und ‚Boden‘ im rassistischen Denken.“10 Das Bedürfnis zur homogenen Masse zu verschmelzen ist es, das dem Rassismus als Alltagsreligion den Nährboden liefert. Die Freudsche Alternative des Erlöses des angestauten, libidinösen Triebes durch Aggression bietet weitere Erklärungshinweise für die Gewaltherrschaft. Für den Nationalsozialismus ließe sich daraus ableiten, dass der individuelle Triebverzicht in eine totalitäre Einheit mündete, in welcher die Kompensation in Form destruktiver, aggressiver und roher Gewalt gegenüber allem „Volksfremden“ sich legitim ausgestalten konnte. „Der Vorteil eines kleineren Kulturkreises, daß er dem Trieb einen Ausweg an der Befeindung der Außenstehenden gestattet, ist nicht geringzuschätzen. Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrigbleiben.“11 Die Barbarei ist nun nicht mehr als ein Produkt der Zivilisation selbst.

Bleibt zu erwähnen, dass diese Perspektive allein die Behauptung zuließe, die Aggressionen der Nationalsozialisten hätten sich auch überall anders ausbilden können. Auch der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus bleibt außen vor. Würde man lediglich Freuds Überlegungen zur Ergründung des Phänomens Rassismus heranziehen, so würde sich aus den rein psychoanalytischen Erklärungsansätzen eben jene Anthropologisierung vollziehen, die wir an anderen Rassismustheorien beobachten und kritisieren. Im Sinne einer kritisch theoretischen Einbindung des historisch spezifischen, nationalsozialistischen Rassismus in die Genese rassistischer Denkmuster sollen die historischen und psychodynamischen Betrachtungen durch wertkritische erweitert werden, um radikale Kritik zu ermöglichen.

Die Kompensation eines missglückten Gleichheitsversprechens

Mit der Freudschen Interpretation zur Sehnsucht nach Einheit lässt sich der Kreis zur wertkritischen Auseinandersetzung schließen, in der der Kampf der Subjekte gegen die Vereinzelung in den verdinglichten Verhältnissen durch die Erschaffung einer Identität im narzisstischen Kollektiv, die Konstruktion einer Einheit (vermeintlich) kompensiert wird. Wie bereits erläutert, generiert die Trennung von Natur und Subjekt einen Mythos, in der die verdinglichten Verhältnisse als natürlich gegeben erscheinen. Der kritischen Theorie haben wir hieraus bereits im ersten Teil unserer Einführung einen Verständnisansatz zur Bereitschaft rassistischer und antisemitischer Weltanschauung entnommen, der sich nun auf die spezifische Betrachtung des Nationalsozialismus übertragen lässt: In der Benennung von „unwertem Leben“ liegt die Chance der Kompensation einer Angst, vor den Augen der wertschaffenden „Volksgenossen“ in die Unwertigkeit abzurutschen.12 Gleichzeitig dient der Rassismus aber auch den Erfordernissen der Herrschaft in funktionaler Weise, in dem der Ausschluss des angeblich Ungleichen zugunsten einer deutschen Nationalökonomisierung herhalten kann. An dieser Stelle wird ein zwiespältiges Verhältnis zum Kapitalismus sichtbar, welches bis heute in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verankert zu sein scheint: Einer brachialen Überstülpung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung über die konstruierten „Naturnahen“ und „Unzivilisierten“ liegt die Bejahung der Herrschaft des Kapitals zugrunde. Hingegen entsprechen die antisemitische Imagination und Bekämpfung „höherwertigen“ Lebens sowie übernatürlicher Macht paradoxer Weise einer (vermeintlichen) Auflehnung gegen den Kapitalismus, in der vermeintliche Drahtzieher erkannt und für ihre Untaten bestraft werden sollen. Verzweifelt gilt es, Verursacher für das Krisenhafte und die eigene Misere (und damit der Misere der konstruierten Einheit) zu entlarven. Der Massenmord an den Juden im Nationalsozialismus kann hierbei als Höhepunkt der Kompensation eines missglückten Gleichheitsversprechens interpretiert werden: Die bürgerlich–kapitalistischen Subjekte, welche ihre Arbeitskraft zu Markte tragen, verschmelzen im Staat, der Treuhand des Kapitals und der Arbeit, zur Volksgemeinschaft.13 Im Griff nach der Weltmacht, vereint im Konstrukt des narzisstischen Kollektivs und gleichgültig gegenüber dem Individuum folgt diese Volksgemeinschaft einerseits rationalen Verwertungslogiken, andererseits irrationalen Ängsten verdinglichten Ursprungs sowie psychosozialen Sehnsüchten. So sollte mit der wahnhaften Auslöschung der Juden als angebliche Drahtzieher der Krise die Hemmnisse zugunsten einer krisenfreien Produktion beseitigt werden und die Entfaltung der rassischen Gleichheit in der Nation ungestört sich vollziehen; jedoch stellt die „Endlösung“ selbst einen deutlichen Bruch mit der Rationalität kapitalistischer Verwertungslogik dar.

Das Feindbild der RassistInnen in der Gegenwart

Auch wenn die Einteilung der Menschen in Rassen, basierend auf biologischen Kriterien seit 1945 weitgehend ausgedient hat, so hat die Funktion des Rassismus als Alltagsreligion, die sich des Synkretismus bedient, nicht an Aktualität eingebüßt. Die pluralen Lebensweisen der kapitalistischen Gesellschaft des 21. Jahrhundert machen jedoch auch die rassistischen Kulissen flexibler und subtiler. „Die demokratischen Staatsbürgerinnen und -bürger sind heute Rassisten und Rassistinnen, ohne dass sie sich als solche diffamieren lassen müssten.“14 Mit Hilfe der kritischen Theorie, die die Zerrissenheit des bürgerlichen Subjekts konstatiert, sollen hier jedoch einige Kontinuitäten des rassistischen Ausschlusses erklärt werden.

Die Abgrenzung gegen Andere findet heute ihren Ausdruck in der Konstruktion der praktizierten, kulturellen Differenz, was bereits oben durch den angeführten Begriff des Neorassismus (Taguieff und Balibar) thematisiert wurde. In der positiven Betonung der Einzigartigkeit der verschiedenen Kulturen liegt vor allem die Chance zur Aufwertung der eigenen Kultur, aus der schließlich auch das Subjekt seine Identität gewinnt. Es gilt ferner, die eigene Gemeinschaft vor der Vermischung mit anderen Kulturen zu bewahren. Wo der Kapitalismus die Individuen als Ware Arbeitskraft gleichmacht, ist die Kultur dem Individuum der Rettungsanker. Wie in seiner ökonomischen Charaktermaske ist der Einzelne auch in der Kultur nicht mehr ein eigenständiges, einzigartiges Individuum, sondern kulturell bestimmt und geprägt. Heute ist es die Kultur, die den Ausschluss und die Benachteiligung bestimmter Gruppen legitimiert.15 So soll der Sozialstaat nicht die Existenz aller sichern, die gerade unproduktiv um ihre Existenz bangen müssen, sondern nur jene, die Teil der Mehrheitsgesellschaft und damit der Elite sind. In der kulturellen Blase lässt sich die eigene Existenzangst gut kompensieren, indem sie das Ticket zum Sozialstaat ermöglicht und einige KonkurrentInnen rausfliegen. Spiegelbildlich zu diesen rationalen Überlegungen lässt das Kulturelle rein irrationale Abwertungen des „Anderen“ zu. „Ausländer“ sind in dieser Logik stets selbst schuld an ihrer schweren Lage. Sie sind einerseits eine gefürchtete Konkurrenz, indem sie etwa dem arbeitslosen Deutschen die Arbeit „wegnehmen“. Andererseits gelten sie als „faule“ Personifikation des Lustprinzips und „liegen dem fleißig arbeitenden Deutschen auf der Tasche“. Dass sie die Konkurrenz verkörpern und gleichzeitig als „Faulenzer“ außerhalb eben dieser Konkurrenz der arbeitsamen Deutschen verortet werden, macht die Beliebigkeit und Inkonsistenz des rassistischen Denkgebäudes besonders deutlich.

Von welchen Kulturen sich stärker abgegrenzt wird, hat verschiedene Ursachen und muss im historischen Kontext betrachtet werden. Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass Rassismus sich vor allem gegen jene wendet, die nicht in das herrschende und konstruierte Idealbild der bürgerlichen Gesellschaft gehören. (Und hier spielt letztlich doch die phänotypische Erscheinung eine entscheidende Rolle, denn wer hat schon was gegen Weiße aus Dänemark einzuwenden?) Dieses herrschende Idealbild orientiert sich u.a. am Fortschrittsglauben von Arbeit und Staat, welcher sich im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft festigte. Die Konsequenz daraus ist, dass man sich negativ auf all jene bezieht, die am bürgerlichen Fortschritt keinen Anteil haben (sollen). So gelten Schwarze immer noch als Inbegriff des Rückschritts, auch wenn sie auf vielen Ebenen unter den gleichen Lebensbedingungen arbeiten, mit den gleichen alltäglichen Problemen konfrontiert sind und denselben gesellschaftlichen Verkehrsformen gegenüberstehen. Der jahrelange Ausschluss jedoch hinterlässt im Bewusstsein seine Spuren: „Die unterschiedlichen Hautfarben signalisieren dem Alltagsbewusstsein eine ehemals äußere Ordnung der Arbeit, die verinnerlicht werden musste.“16 Anders gesagt: Auch der schwarze Geschäftsmann wird assoziiert mit dem Sklaven, der zu lange die niedrigste Stufe in der gesellschaftlichen Ordnung einnahm. Das bürgerliche Subjekt muss sich Gewalt antun, um sich in eine verwertbare Form zu bringen – das heißt, die Unterdrückung seiner ersten Natur erträgt es, in dem es etwa Schwarze auf die erste Natur reduzieren kann. Sie vergegenwärtigen ferner eine romantische Sehnsucht des bürgerlichen Subjekts nach der Versöhnung mit der eigenen Natur.

Im Sinne der kritischen Theorie ist also die real gewordene kulturelle (bzw. nationale) Differenz zwischen den Menschen in dialektischer Beziehung zur abstrakten Gleichheit zu verstehen, die aus der negativen Vergesellschaftung hervorgeht. Durch Ausschluss konkreter Gruppen aus der Gemeinschaft kann der Einzelne sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft fühlen und damit sein Selbstwertgefühl gehörig aufbessern. Rassismus wird oft reduziert, wenn er lediglich als Erklärung für die Gewalt gegen „Ausländer“ herhalten muss. Das konstituierende Moment der rassistischen Ideologie ist jedoch nicht die Gewalt, sondern das vereinheitlichte Bewusstsein einer homogenen Gesellschaft, die den Feind bereits vor der Tat determiniert hat. Der Unterschied zwischen rechten GewalttäterInnen und dem Arbeiter, der sich in der Kantine lieber nicht mit seinen türkischen KollegInnen an einen Tisch setzt, ist ein gradueller, kein prinzipieller. Was Adorno über den Nationalismus gesagt hat, gilt auch für den Rassismus: „Unaufhaltsam ist die Dynamik des angeblich gesunden Nationalgefühls zum überwertigen, weil die Unwahrheit in der Identifikation der Person mit dem irrationalen Zusammenhang von Natur und Gesellschaft wurzelt, in dem die Person zufällig sich findet.“17

Fazit: Die Kritik am Rassismus als notwendiger Teil einer Kapitalismuskritik

Es reicht nicht aus, die Formen des Rassismus zu analysieren, sie auszudifferenzieren oder sie in Ideologietheorien hineinzupressen. Weder ergeben sich daraus zwingend brauchbare antirassistische Praxen, noch kann sich dadurch jeder Antirassismus auf brauchbare Kritiken stützen. Bleiben bei der Analyse der Ideologie die Wurzeln für rassistisches Denken und Handeln unter der Oberfläche, so läuft folglich auch der Antirassismus ins Leere. Im Gewand des Multikulturalismus spielt er gar dem modernen Rassismus in die Hände, reproduziert eher seine Kategorien, statt sich gegen seine Konstruktionen zu stellen. Wissenschaftliche Zurückführungen rassistischer Praktiken auf angeblich tief verankerte, kulturelle Wurzeln oder geistige Traditionen geben der Ideologie den Anschein eines intellektuellen Hintergrunds, welches die Ideologie selbst, spätestens in Anbetracht ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Individuum, gar nicht verdient hat. Ideologietheorien lassen den Rassismus zuweilen in positivistischer Art als ein in der Gesellschaft verankertes Prinzip erscheinen und bleiben ferner bei der Erkenntnis stehen, dass er sich im Zuge der Aufklärung universalisierte. Sie bestätigen in dieser Weise lediglich dessen Existenz, ohne zwingend eine Kritik an ihm geäußert zu haben. Kritik an der Ideologie ist erst möglich, wenn man den Rassismus als einen Feind jener universalistischen Werte entlarvt, welche die Aufklärung mit sich brachte. „Rassismus kann nicht bekämpfen, wer zur Aufklärung sich zweideutig verhält.“18 Es gilt, die Freiheit und Gleichheit durch die herrschaftsdurchdrungenen Seiten der Aufklärung hindurch zu retten, ohne dem Fortschritt dabei eine Absage zu erteilen. Dass die Idee der bürgerlich liberalen Gleichheit unter dem Diktat des Kapitals an ihrer Substanz verloren hat, muss wiederum nicht zwingend bedeuten, dass eine Notwendigkeit rassistischen Denkens und Handelns besteht. Rassismus ist weder eine anthropologische Konstante, noch entspringt er allein ökonomischen und politischen Strukturen. Vielmehr ist er im Sinne der kritischen Theorie als Resultat der Subjektkonstituierung in den verdinglichten Verhältnissen zu begreifen. Demnach gibt es in jeder Person etwas psychisch real bestehendes, was die Anknüpfung derartiger Denkweisen innerhalb der herrschenden Verhältnisse ermöglicht. Und auch dabei gilt es, sich nicht in den Fängen einer Ideologietheorie zu verlieren, in der die psychische Disposition der RassistInnen naturalisiert wird.19 Der rassistischen Ideologie kann kritisch entgegengetreten werden, indem die eigene Identität und das Verhältnis von Kapital und Staat kritisch reflektiert wird. Das standhafte Fortleben rassistischen Denkens und Handelns ist eine Folge der bestehenden, widersprüchlichen Verhältnisse sowie der abstrakten Gleichheit im Kapitalismus. Es besteht daher eine zwingende Notwendigkeit, die Kritik an der Ideologie als Teil einer umfassenden Kapitalismuskritik zu formulieren. Ohne Ideologiekritik, die auf Gesellschaftsveränderung abzielt, ist auch eine Kritik am Rassismus nicht zu leisten. Abschließend ist zu sagen: „Für Rassismus als Ideologie gibt es keine Rechtfertigung, denn jegliche rassistische Ideologie ist [bereits] eine Rechtfertigung, die mögliche Autonomie eines anderen Menschen nicht anzuerkennen, sondern in Wort und Tat zu verletzen.“20 Dies muss bei der Betrachtung und Verwendung hervorgegangener Rassismustheorien umsichtig beachtet werden.

Literatur

Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a. M. 2006.

Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max, Soziologische Exkurse, Frankfurt a.M. 1956.

Adorno, Theodor W., Meinung Wahn Gesellschaft, in: Kulturkritik und Gesellschaft II, Frankfurt a.M. 2003.

Bruhn, Joachim, Was deutsch ist, Zur kritischen Theorie der Nation, Freiburg 1994.

Claussen, Detlev, Aspekte der Alltagsreligion, Frankfurt a. M. 2000.

Claussen, Detlev, Was heißt Rassismus?, Freiburg 1994.

Dornis, Martin, Was ist Rassismus? Teil II., in: CEE IEH #85.

Freud, Sigmund, Das Unbehagen in der Kultur, in: Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt a.M. 1982.

Grigat, Stephan, Die „Minderwertigen“, Weg und Ziel, 5/1999, URL: http://www.cafecritique.priv.at/minderwertig.html (10.09.09.).

Marx, Karl, MEW 25, Berlin 1956.

Miles, Robert, Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus, in: Räthzel, Nora (Hrsg.), Theorien über Rassismus, Hamburg 2000.

Weingart, Peter; Kroll, Jürgen und Bayertz, Kurt, Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt a.M. 1992.

Anmerkungen

  1. Ursprünglich galt der Begriff des Rassismus als eine Kennzeichnung der nationalsozialistischen „Theorie“ der Überlegenheit einer „arischen Rasse“. Diese wiederum leitete sich von den im 19.Jahrhundert aufkommenden (pseudo-) wissenschaftlichen Theorien über „Rasse“ ab. (Vgl. Miles, 2000, S. 17.) [zurück]
  2. Adorno / Horkheimer, 2006, S. 179. [zurück]
  3. Claussen, 1994, S.5. [zurück]
  4. Zitiert nach Weingart / Kroll / Bayertz, 1992, S.378. [zurück]
  5. AfrikanerInnen wurden z.B. auf ihre Natur reduziert, indem sie mit Affen verglichen wurden. Hingegen argumentierte der klassische Antisemitismus (der bis heute existent ist) mit einer Übermacht der Juden, indem ihnen etwa Weltverschwörung vorgeworfen sowie die Verursachung wirtschaftlicher und politischer Krisenerscheinungen angelastet wird. So galten die in Europa lebenden Juden in ihrem Wesen als schmarotzend oder gierig und sollten schließlich allen Verfolgungswahn im als „arisch“ interpretierten Raum auf sich ziehen. [zurück]
  6. Claussen, 2000, S. 146. [zurück]
  7. In Jörg Friedrichs Buch „Der Brand“ (2002), in welchem das Leiden der „Zivilbevölkerung“ im alliierten Bombenkrieg emotional und semantisch an den Holocaust anlehnt, wird diese verklärende Trennung beispielsweise besonders sichtbar. [zurück]
  8. Vgl. Kapitel „Das doppelt gespaltene bürgerlich-kapitalistische Subjekt“ in Teil 1. [zurück]
  9. Freud, Sigmund, Das Unbehagen in der Kultur, in: Fragen der Gesellschaft / Ursprünge der Religion, Frankfurt a.M. 1982, S.63. [zurück]
  10. Dornis, Martin, CEE IEH #85, Was ist Rassismus? Teil II. [zurück]
  11. Freud, 1982, S. 242f. [zurück]
  12. Vgl. Kapitel „Der rassistische Ausschluss aus der Menschheit“ in Teil 1. [zurück]
  13. Hinter der deutschen Form der Kapitalisierung über den Sozialstaat zum Staat der Volksgemeinschaft verbirgt sich der umstrittene Begriff vom sogenannten „deutschen Sonderweg“. Weitergehend ist anzumerken, dass mit dem Eintreten in die Volksgemeinschaft die traditionelle, bürgerliche Ideologie einer „totalitären Ideologie“ weicht, in der die Ansprüche des „Liberalismus, des Individualismus, der Identität von Geist und Wirklichkeit“ aufgehoben sind und einer totalitären Weltanschauung Platz verschaffen. (Vgl. Adorno / Horkheimer, 1956, S.169f.) [zurück]
  14. Grigat, Die „Minderwertigen“. [zurück]
  15. Nicht zu vernachlässigen ist hier, dass körperliche Merkmale in Konstruktionen von unterschiedlichen Gruppen und Kulturen immer noch mit einfließen. [zurück]
  16. Claussen, 1994, S.19. [zurück]
  17. Adorno, 2003, S. 589. [zurück]
  18. Claussen, 1994, S.17. [zurück]
  19. So verweist Joachim Bruhn in seiner kritischen Rezeption der Psychologisierung des mutmaßlichen Solinger Brandstifters Christian R. etwa auf diverse Probleme der Rationalisierung des Rassismus durch die pure Psychologisierung des Rassisten. „In dem die psychischen Qualitäten, die sich das Subjekt als Charaktermaske von Verwertung und Tausch anzueignen hat, zu naturalen Eigenschaften des Individuums verdinglicht werden, wird es in seiner Form als ‚bloßer Bezugspunkts abstrakter Arbeitskraft‘ ins Jenseits der Kritik bugsiert.“ (Bruhn, 1994, S. 154) [zurück]
  20. Claussen, 1994, S. 23. [zurück]