In & Out – Out & In

Warum Integration anders gedacht werden muss

veröffentlicht in StuRaktiv, Ausgabe XI, April 2009

„Erfolgreiche Integration funktioniert über Bildung.“, so hatte es Annette Schavan an die 60 AbiturientInnen türkischer Herkunft adressiert, die für ein Treffen mit der Bundesbildungsministerin 2007 nach Berlin gereist waren. Hält man an der Idee der sozialen Integration fest, welche die Eingliederung von migrantischen Bevölkerungsgruppen und Individuen in die Gesellschaft vorsieht, dürfte keine/m der Anwesenden der Zugang zu weiteren Bildungsmöglichkeiten ob ihrer Herkunft verwehrt bleiben. Bei einem migrantischen Studierendenanteil von 8 % im Jahr 2007 ist jedoch eine allgemeine Skepsis, was die Aussicht auf einen Platz an der Universität angeht, durchaus angebracht. Eine Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes(DSW) ergab eine starke universitäre Unterrepräsentanz der Menschen mit Migrationshintergrund, die im Erhebungsjahr ca. ein Fünftel der Gesamtbevölkerung der BRD ausmachten. Charakteristisch an der hiesigen Integrationspraxis ist die Orientierung an nationalen Normen und Werten. Die Kategorie „Deutsch“ gilt etwa in den quantitativen Sozialstudien als Maßstab für alles was „nicht deutsch“ ist. Abweichungen wie die einer universitären Unterrepräsentanz, werden dann als „Integrationsdefizite“ der MigrantInnen deklariert. Die Frage nach der eigentlichen Genese dieser Normen und dem Umgang mit ihnen ist zentral, steht jedoch außerhalb des Fokus gängiger Integrationspraxen. Wie sehr das Vorrecht einer privilegierten Mehrheitsgesellschaft Anwendung findet wird klar, verfolgt man die grundsätzliche Richtung der stets an die MigrantInnen adressierten Anpassungsforderungen. Durch die gängige Auffassung von Integration ist ein Verlassen dieser Einbahnstraße, durch etwa die konsequente Inklusion der migrantischen Perspektive unmöglich.

Bei einem Blick auf die zahlreichen emanzipatorischen Momente migrantischer Projekte, wie z.B. der Organisation gegen den bestehenden Rassismus oder den individuellen Arbeitsfindungsstrategien, scheint der Integrationsbegriff generell überholt. „Viele soziale Auseinandersetzungen, die von MigrantInnen initiiert worden sind, handeln nicht davon, Bürger zu werden – sie insistieren darauf, bereits Bürger zu sein.“, schreibt Manuela Bojadžijev in ihrem Text zur Autonomie der Migration.1 Sie sind weder von den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen als enthoben oder abgetrennt zu betrachten, noch wäre ihr subjektiver Charakter zu leugnen, welcher an der Reproduktion und Umgestaltung dieser Verhältnisse beteiligt ist. Es gilt zu verdeutlichen, dass eine gesellschaftliche Einheit der Vielfalt nicht heißen darf, alles in Richtung einer imaginierten spezifisch deutschen, homogenen Kultur zu lenken. Die Anerkennung der migrantischen Autonomie, ohne die Migration nicht zu denken ist, bedeutet weder den Zerfall eines Systems noch die Auflösung des minimalen Konsenses gemeinsamer Grundwerte, welche ein soziales Miteinander überhaupt erst ermöglichen. Ob den integrativen Forderungen jedoch der Wunsch nach einer Kultur des sozialen Austauschs und des Miteinanders jenseits der herrschenden nationalen Identität zugrunde liegt, mag angezweifelt werden. Betrachtet werden sollte auch, wie sehr der stetige Ruf nach einer Normalisierung und Disziplinierung in Form des Integrationsimperativs gegenüber allem „Äußeren/Fremden“ der Determinierung eines „Normal“ verschuldet ist.

Eine wirksame Integrationspolitik, die eine gleichberechtigte Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund an politischen, sozialen und ökonomischen Prozessen möglich macht, muss auf der Grundlage einer etablierten Antirassismus- und Antidiskriminierungskultur basieren.

In Leipzig hätte diese z. B. durch den Beitritt in die Europäische Städte-Koalition gegen Rassismus gestärkt werden können, die im Jahr 2004 von der UNESCO ins Leben gerufen wurde und zum Ziel hat, ein Netzwerk europäischer Städte zu knüpfen, um gemeinsam gegen Rassismus zu wirken. Ein 10-Punkte-Aktionsplan soll die Handlungsmöglichkeiten der Städte bündeln und strukturieren. U.a. stehen die verstärkte Wachsamkeit gegenüber Rassismus, Bewertung der kommunalen Situation und der örtlichen Maßnahmen, bessere Unterstützung für die Opfer von Diskriminierung und Rassismus, bessere Beteiligungs- und Informationsmöglichkeiten für die BürgerInnen und die Stadt als aktive Förderin gleicher Chancen auf der Agenda.

Nach einer Absichtserklärung zum Beitritt in die Städte-Koalition des Oberbürgermeisters Burkhard Jung vom 20.03.2007 wurde überprüft, in welchem Maße Leipzig mit seinen Aktivitäten gegen Rassismus und Diskriminierung an die Vorgaben des 10-Punkte-Aktionsplans heranreicht. Es wurde ein deutliches Defizit hinsichtlich der Umsetzung des Aktionsplans festgestellt, was überwiegend auf den Mangel an gestellten finanziellen und personellen Ressourcen der Stadt zurückzuführen ist. Deswegen wurde Leipzigs Beitritt zur Städtekoalition vorläufig auf Eis gelegt.

Unter dem Label des „Interkulturellen Engagements“ schmückt sich die Stadt gern mit dem Attribut „weltoffen“ und verweist auf verschiedene Integrationsprojekte wie die „Internationale Woche gegen Rassismus“, die „Leipziger Interkulturellen Wochen“, der Wettbewerb „Schule ohne Rassismus“, der lokale Aktionsplan „Vielfalt tut gut“ etc.; dabei sind grundsätzliche Mängel festzustellen. Fehlende Mittel des Referats Ausländerbeauftragter lassen bspw. nur punktuelle Antirassismus- und Antidiskriminierungsarbeit auf kommunaler Ebene zu. Nennenswert wären hier u.a.: die Zusammenarbeit mit Vereinen und Initiativen wie dem Antidiskriminierungsbüro Sachsen und dem RAA (Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen) Sachsen, die Ausbildungsplanung zur Erhöhung des Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund als Auszubildende in der Verwaltung, die Gründung des MigrantInnenbeirats als Beratungsinstanz im Leipziger Stadtrat, die Förderung von Antirassismus- und Integrationsprojekten in Schulen/Kitas, die Förderung von Mehrsprachigkeit in Kitas und von Projekten für einen verbesserten Zugang von MigrantInnen zum Arbeitsmarkt.

Auch wenn dies durchaus positive Beispiele sind, die Aktivitäten gegen Rassismus und Diskriminierung sind zu gering ausgeprägt, als dass Leipzig mit der Europäischen Städte-Koalition mitgehalten kann. Leipzigs Integrationspolitik ist eher an eine klassische Eingliederungspraxis gebunden. Die gängige Verwendung des Wortes ‚Integration‘ ist jedoch kritisch zu hinterfragen, denn sie beschreibt den Eingliederungsprozess eines ausgemachten „Anderen“ in eine bestimmte Vorstellung des „Wir“. Dieses Konstruktion eines in diesem Fall deutschen Kollektivs als „Wir“ steht einem irgendwie „Anderem“ gegenüber, das als von außen eindringend und den Zusammenhalt der Gesellschaft negativ beeinflussend beschrieben wird.2 Dieses Verhältnis spiegelt sich vor allem in konkreten integrationspolitischen Maßnahmen von Seiten des Staates wider. Ein Einbürgerungstest etwa soll für die Anpassungsfähigkeit an die geltenden, deutschen Normen eines/r jeden Migranten/in bürgen. Diese Ansicht fußt auf der Annahme, dass sich Gesellschaften an nationalstaatlichen Grenzen binden und gegeneinander abgrenzen lassen, also klar trennbar sind. Vassilis Tsianos, Mitgleid der Forschungsgruppe „Transit Migration“, beschreibt dieses Verhältnis als „Container-Paradigma“ von Gesellschaftlichkeit.3 In Deutschland ist der Leitgedanke einer ethnisch homogenen Nation, welche auf solch einem Paradigma basiert, sehr stark. Innerhalb dieser „Alltagsreligion“4 aus fiktiven Homogenitätsvorstellungen und ethnischen Kategorien fühlt sich schließlich auch ein vielseitiger Rassismus wohl. Völkisch-biologistische Vorstellungen vom ‚Deutschsein‘ sind in den politischen Diskursen um die nationale Identität so sehr verankert, dass beispielsweise Schwarze nicht einfach als Deutsche gesehen werden. An diesem Beispiel zeigt, dass eine so genannte Integration in Deutschland, wenn überhaupt nur partiell erfolgen kann. Das heißt, dass etwa der Erhalt bestimmter Rechte, womöglich sogar der deutschen Staatsbürgerschaft, längst kein Garant für eine mehrheitlich gesellschaftliche Akzeptanz der als migrantisch wahrgenommenen Personen ist. Wenn in Leipzig die Toleranz gegenüber „AusländerInnen“ ein moralisches Grundgebot sein soll, es jedoch für antirassistische, antidiskriminierende Politik nur wenig Platz gibt, auf welcher gesellschaftlichen Grundlage basiert dann die Forderung nach Integration?

Um eine starre nationale Identität aufzubrechen und Ängsten vor kultureller „Entfremdung“ durch das „Andere“ entgegenzutreten, bedarf es umfassenden Veränderungen sowohl auf institutioneller als auch auf Bewusstseinsebene. Die Kritik an der bestehenden Integrationspraxis muss zusammen mit einer Stärkung der Antidiskriminierungs- und Antirassismusarbeit erfolgen. Die Bereitstellung der Ressourcen für diese Arbeit ist auch und gerade die Aufgabe kommunaler Politik. Die Tatsache, dass Migration immer Teil von gesellschaftlichem Wandel war und ist, MigrantInnen also nicht außerhalb der Gesellschaft stehen, bekräftigt die Forderung nach einer gleichberechtigten Teilnahme aller Individuen an allen gesellschaftlichen Prozessen. Der Zugang zu ökonomischen, sozialen und politischen Ressourcen darf nicht von einer klassischen Vorstellung von Integration abhängig gemacht werden.

  1. Bojadžijev, Manuela: Autonomie der Migration. 10 Thesen zu einer Methode. in: Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente Ränder – Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas, Bielefeld 2007, S.205. [zurück]
  2. Santander, Lourdes & Sedow, Irene: Über Diskursverschiebungen in der Debatte um ein deutsches Zuwanderungsgesetz, in: Phase2 – Zeitschrift gegen die Realität, Nr. 15, 2005. [zurück]
  3. Tsianos, Vassilis: Movements that matter. Eine Einleitung, in: Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente Ränder, a.a.O., S. 10. [zurück]
  4. Claussen, Detlev: Was ist Rassismus?, Darmstadt 1994, S.18. [zurück]